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Library Code of Ethics Worldwide - review



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Herman Rösch

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Katsaus Zdzislaw Gebolys:n ja Jacek Tomaszczyk:n kirjaan: Library Code of Ethics Worldwide (ISBN 978-3-940862-24-2)


Bibliothekarische Berufsethiken weltweit

Library Codes of Ethics Worldwide. Anthology. Zdzislaw Gebolys und Jacek Tomaszczyk. Berlin: Simon Verlag für Bibliothekswesen 2012. 267 S.

Die Geschichte bibliothekarischer Berufsethiken reicht zurück bis in die Anfänge des 20. Jahrhunderts. Die US-Amerikanerin Mary Plummer hatte bereits 1903 angeregt, Grundwerte und Verhaltensstandards zur Stabilisierung des bibliothekarischen Berufsbildes und zur Professionalisierung bibliothekarischer Praxis in Form einer Berufsethik zu standardisieren.1 Damit hatte sie eine Debatte initiiert, die - allerdings erst nach mehreren Jahrzehnten - dazu führte, dass die American Library Association um die Jahreswende 1938/39 den ersten nationalen "Code of Ethics for Librarians" weltweit verabschiedete. Es sollten weitere Jahrzehnte verstreichen, ehe mit Brasilien, Costa Rica und Kanada in den 1960er und 1970er Jahren weitere Länder folgten. Während auch in den 1980er Jahren außer der britischen Library Association (heute CILIP) nur wenige nationale Bibliotheksverbände Berufsethiken verabschiedeten, kam es in den 1990er Jahren und dem ersten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts geradewegs zu einem Boom in dieser Hinsicht. Mittlerweile existieren in mehr als 70 Ländern nationale "Codes of Ethics for Librarians". Auf IFLA-Ebene wird gegenwärtig erstmals an einer internationalen bibliothekarischen Berufsethik gearbeitet. Möglicherweise wird der vorliegende Entwurf noch 2012 beraten und verabschiedet.2

Das seit etwa 20 Jahren zu beobachtende wachsende Interesse an Informationsethik allgemein und an bibliothekarischer Berufsethik speziell hat auch die Aufmerksamkeit der Forschung geweckt. Alex Byrne3, Thomas Froehlich4, Wallace Koehler5, Paul Sturges6, Robert Vaagan7 und zuletzt der Italiener Ricardo Ridi8 haben begonnen, Aussagen zur bibliothekarischen Berufsethik auf internationaler Ebene zu vergleichen. Wie zu erwarten sorgen politische, soziale und kulturelle Unterschiede dafür, dass die bibliothekarischen Berufsethiken in z.T. bemerkenswerter Weise voneinander abweichen. Dies gilt sowohl für das behandelte Spektrum an Themen als auch für in Ansätzen gegensätzliche Aussagen zu identischen Themen. So verlangt z.B. die Library Association of Singapore in ihrem aktuell gültigen Code: "The librarian must give complete loyalty and fidelity to the policies set by the governing authority" (vgl. S. 190). In den Berufsethiken demokratischer Länder ist ein solcher Satz kaum vorstellbar.

Ideale Grundlage für das wachsende Forschungsinteresse an bibliothekarischen Berufsethiken bildet eine verlässliche, möglichst vollständige und aktuelle Zusammenstellung der meist von den jeweiligen nationalen Berufsverbänden erarbeiteten und verabschiedeten "Codes of Ethics for Librarians". Bis 2008 war es allein die vom IFLA-Komitee "Freedom of Access to Information and Freedom of Expression" (FAIFE) angelegte Liste "Professional Codes of Ethics for Librarians", die aktuell Zugang zu knapp 40 Berufsethiken bietet.9 Leider konnte diese Liste aus kapazitären Gründen bislang nur in begrenztem Umfang gepflegt und aktualisiert werden. 2008 erschien die bis dahin umfangreichste Zusammenstellung in gedruckter Form. In der von Zdzislaw Gebolys und Jacek Tomaszczyk herausgegebenen Anthologie "Kodeksy Etyki Bibliotekarskiej na Swiecie / Library Codes of Ethics in the World" waren Berufsethiken aus 61 Ländern enthalten, darunter allerdings einige nicht verabschiedete Entwürfe.10 Diese grundsätzlich äußerst verdienstvolle Zusammenstellung hatte allerdings einen gravierenden Nachteil: Die wissenschaftliche Einleitung und die Texte selbst wurden ausschließlich in polnischer Sprache vorgelegt.

Dieses Defizit konnte unterdessen beseitigt werden. Seit Herbst 2011 liegt eine aktualisierte Fassung der Anthologie in englischer Sprache vor. Warum die von Elisabeth Simon verfassten einleitenden Bemerkungen auf das Jahr 2010 datiert sind, das Titelblatt hingegen 2012 als Erscheinungsjahr angibt, bleibt unerfindlich. Nicht ganz nachvollziehbar ist darüber hinaus die Titelfassung des Werkes, die wie schon der Paralleltitel der polnischen Ausgabe "Library Codes of Ethics in the World" lautet. Tatsächlich handelt es sich jedoch bei den versammelten Dokumenten keineswegs um "Bibliotheksethiken", sondern um bibliothekarische Berufsethiken. Der typologische Unterschied zwischen einer Institutionenethik und einer personalen, in diesem Fall berufsbezogenen Ethik wird hier ignoriert.

In der Einführung werden die Auswahlkriterien und die Anlage der Anthologie erläutert. Erfasst wurden nur verabschiedete Berufsethiken für Bibliothekarinnen und Bibliothekare sowie verwandte Information Professionals, mithin keine Entwürfe. Warum davon abweichend der Entwurf aus Tansania aufgenommen wurde, wird nicht erläutert. Nicht aufgenommen wurden Dokumente, die sich entweder auf eine rein regionale oder umgekehrt auf die internationale Ebene beziehen. Eine Ausnahme bildet allerdings der Katalanische Bibliotheksverband, dessen Code dennoch in der Anthologie enthalten ist. Die Texte selbst sind ins Englische übersetzt worden, sofern dies nicht bereits die Urheber besorgt haben. Angegeben wird zusätzlich in vielen Fällen, wer den Code verabschiedet hat und wann dies geschehen ist. In der Einführung werden auch erste analytische Betrachtungen angestellt, die sich auf typologische Unterscheidungen sowie strukturelle und inhaltliche Gemeinsamkeiten und Abweichungen beziehen. In knapper Form werden die wichtigsten und meist genannten Grundwerte zusammengestellt wie Objektivität, Diskretion, Höflichkeit, Garantie von Datenschutz, Einsatz für Informationsfreiheit und Freiheit von Zensur, Gleichbehandlung oder professionelle Dienstleistungsorientierung (vgl. S. 29). Bemerkenswert ist die Feststellung, dass kein arabisches Land über eine bibliothekarische Berufsethik verfügt, aus Afrika nur Tansania, Uganda und Südafrika.

Präsentiert werden schließlich die Texte von Berufsethiken aus 66 Ländern mit dem Berichtsstand 2010/11. Im Vergleich zur Ausgabe von 2008 sind die Berufsethiken Argentiniens und der Slowakei entfallen, die damals lediglich Entwurfsstatus hatten, aber dennoch aufgeführt worden waren. Hinzugekommen sind Dokumente aus sieben Ländern: Albanien, Katalonien, Kirgisien, Malta, Rumänien, Türkei und Uganda. Mindestens vier Länder, in denen Berufsethiken während der Berichtszeit verabschiedet worden sind, fehlen in der Zusammenstellung: Kasachstan (1998), Mauritius (2003), Montenegro (2002) und Swaziland (2004).11 Seit Redaktionsschluss sind weitere Berufsethiken verabschiedet bzw. vorhandene durch überarbeitete ersetzt worden. Dies gilt z.B. für Finnland und den flämischen Teil Belgiens.12 Die überarbeitete russische Berufsethik vom Mai 2011 ist immerhin schon in der Anthologie enthalten.

Im Anhang werden dankenswerterweise die bibliographischen Angaben der Originaltexte sowohl für gedruckte als auch für digitale Varianten präsentiert, so dass es in den meisten Fällen problemlos möglich ist, auf die originalsprachliche Fassung zurückzugreifen. Für Verwirrung sorgt allerdings in diesem Quellenverzeichnis die Rubrik "Library codes of ethics not accessible on the Internet or in print" (S. 258-262). Überwiegend scheint es sich bei den in diesem Alphabet angegebenen Titeln um wissenschaftliche Sekundärliteratur zu handeln.

Trotz der genannten Lücken und kleineren Monita bietet die vorliegende Anthologie eine hervorragende Grundlage zur vergleichenden Analyse nationaler bibliothekarischer Berufsethiken. Die beiden Bearbeiter haben wichtige Pionierarbeit geleistet, in dem sie die z.T. an entlegenen Orten gedruckt und netzbasiert publizierten Dokumente aufgespürt, gesammelt und übersetzt haben.

Auch auf Ebene des IFLA/FAIFE-Komitees werden mittlerweile Anstrengungen unternommen, dem wachsenden Interesse an bibliothekarischer Berufsethik stärker entgegenzukommen. So soll die bereits erwähnte Liste "Professional Codes of Ethics for Librarians" gründlich überarbeitet und zukünftig kontinuierlich gepflegt werden. Zu diesem Zweck wird gegenwärtig in Zusammenarbeit mit einer Bibliotheks- und Informationswissenschaftlerin eine Umfrage bei den Bibliotheksverbänden durchgeführt, um zusätzliches Datenmaterial zu gewinnen. Für die weitere Aktualisierung bietet der alle zwei bis drei Jahre publizierte "IFLA-World Report" eine wichtige Datenbasis. Darin geben Bibliotheksverbände an, ob sie über eine Berufsethik verfügen bzw. ob sie planen eine solche zu verabschieden. Die Nachteile einer gedruckten Anthologie könnten auf diese Weise (theoretisch) kompensiert werden.


Hermann Rösch, Köln

References

1 Vgl. Mary W. Plummer: The Pros and Cons of Training for Librarianship. In: Public Libraries. 8, 1903, 5, S. 208-220.

2 Vgl. Hermann Rösch: Drafting an International Code of Ethics for Librarians. In: FAIFE Newsletter. 2011, 2, S. 4-5. http://www.ifla.org/files/faife/publications/newsletter/february-2011.pdf (Zuletzt aufgesucht am 20.3.2012)

3 Vgl. Alex Byrne: Introduction. Information Ethics for a New Millenium. In: The Ethics of Librarianship. An International Survey. Robert W. Vaagan (Hrsg.). München: Saur, 2002, S. 8-18.

4 Vgl. Thomas J. Froehlich: Survey and Analysis of the Major Ethical and Legal Issues Facing Library and Information Services. München: Saur, 1997. (IFLA Publications 78).

5 Vgl. Wallace Koehler: National Library Associations as Reflected in their Codes of Ethics. In: Library Management. 27, 2006, 1/2, S. 83-100.

6 Vgl. Paul Sturges: Information Ethics in the Twenty First Century. In: Australian Academic & Research Libraries. 40, 2009, 4, S.241-251.

7 Vgl. The Ethics of Librarianship. An International Survey. Ed. By Robert W. Vaagan. München: Saur 2002. (IFLA Publications 101).

8 Vgl. Riccardo Ridi: Etica bibliotecaria. Deontologia professionale e dilemmi morali. Mailand 2011. Bibliografia Biblioteconomia 98).

9 Professional Codes of Ethics for Librarians. IFLA/FAIFE. http://www.ifla.org/en/faife/professional-codes-of-ethics-for-librarians (Zuletzt aufgesucht am 20.3.2012).

10 Vgl. Kodeksy Etyki Bibliotekarskiej na Swiecie / Library Codes of Ethics in the World. Hrsg. Zdzislaw Gebolys und Jacek Tomaszczyk. Warschau 2008. (Nauka, Dydaktyky, Praktyka 103).

11 Vgl. Julia Spenke: Ethik für den Bibliotheksberuf: Zu Entwicklung und Inhalt eines bibliothekarischen Ethikkodexes in Deutschland. Diplomarbeit. Köln 2011, S. 60f.

12 Vgl. Professional Codes of Ethics for Librarians. IFLA/FAIFE. http://www.ifla.org/en/faife/professional-codes-of-ethics-for-librarians (Zuletzt aufgesucht am 20.3.2012).